Blindenleitsysteme – ein Schlüssel zur Unabhängigkeit

Schon eine ganze Ewigkeit tüftelte die Menschheit daran, bodengebundene Blindenleitsysteme zu schaffen, mit deren Hilfe sich blinde Menschen räumlich fortbewegen können.

Bildbeschreibung: Das Bild zeigt einen Blindenleitstreifen mit geringen visuellen Kontrast zum Gehwegbelag. An dessen linken Seite ist eine Gehwegplatte mit einen „Stockmännchen“ angeordnet. Ende der Bildbeschreibung.
Bild 1: Blindenleitsystem
© Mobilfuchs

In Japan wurden taktile Bodenstrukturen in den 1960ger Jahren erstmals für diesen Zweck entwickelt und in Kombination mit Blindenstöcken gezielt zur Führung der Betroffenen eingesetzt. Zwischenzeitlich hat sich annähernd weltweit die Nutzung derartiger physischer Blindenleitsysteme verbreitet.

Gerade im Zeitalter der Digitalisierung entstehen, durch digitale Technologien, immer wieder neue Angebote, die blinden und sehbehinderten Menschen helfen sollen, die Orientierung zu ermöglichen und damit deren Fortbewegung zu erleichtern.

Was ist ein physisches Blindenleitsystem?

Ein physisches Blindenleitsystem ist ein geschlossenes, aus bodengebundenen standardisierten Bodenindikatoren bestehendes, System der Wegeführung gemäß DIN 32984. Es muss nach dem Zwei-Sinne-Prinzip (visuell, taktil, akustisch) gestaltet sein und blinden und hochgradig sehbehinderten Menschen zur Warnung, Information, Leitung und Orientierung dienen.

Der Informationsgehalt dieses Systems kann bedarfsgerecht, durch zusätzliche Komponenten, wie beispielsweise

a) taktile Beschilderungen (z. B. Wand- und Handlaufbeschilderungen),
b) Reliefpläne,
c) Einrichtungen für taktile und akustische Informationen (z. B. für Lichtsignalanlagen und
dynamische Fahrgastinformationssysteme),
d) sonstige Leitelemente sowie durch
e) digitale Technologien,

sinnvoll ergänzt werden.

Was sind Bodenindikatoren?

Bodenindikatoren mit ihrer Kantenlänge von 30 cm x 30 cm, sind die kleinsten Bausteine eines physischen Blindenleitsystems. Diese werden am Boden einer Gehfläche zu Blindenleitsystemelementen, wie beispielsweise Leitstreifen, Richtungsfeldern oder Aufmerksamkeitsstreifen zusammengesetzt, welche wiederum durch ein gezieltes aneinanderreihen dieser Elemente letztlich ein Blindenleitsystem bilden.

⚠️Weitere ausführliche Informationen zu Bodenindikatoren in Bezug auf Kontraste, Maße, Gestaltungsanforderungen usw. finden Sie auf den Webseiten:

Wozu werden physische Blindenleitsysteme benötigt?

Menschen mit vermindertem oder fehlendem Augenlicht sind in ihrer Orientierung und damit in ihrer räumlichen Mobilität wesentlich eingeschränkt. Beim Betreten des Bahnhofsvorplatzes mit einem Blick zu erfassen, wo sich der Taxistand oder die Bushaltestelle befindet, geht nicht. Insbesondere im öffentlichen Verkehrsraum sind blinde und sehbehinderte Menschen durch Umwelteinflüsse, wie nicht vorhandene Raumbegrenzungen, hoher Verkehrslärm oder nur optische Informationsangebote, großen Gefahren ausgesetzt. Ähnlich verhält es sich in großen und unübersichtlichen Gebäuden, wie beispielsweise in Bahnhöfen, Messehallen und Flughafen-Terminals.

Für die Orientierung nutzen blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen taktile, akustische und, insofern es ihnen noch möglich ist, visuell wahrnehmbare Informationen aus der gebauten und natürlichen Umwelt – sogenannte „sonstige Leitelemente“, wie beispielsweise Bordstein- oder Rasenkanten. Da die sonstigen Leitelemente nicht immer zuverlässig nutzbar und eindeutig interpretierbar sind, benötigen sie eindeutige Orientierungshilfen, um bestehende Probleme reduzieren zu können. Hier stellen physische Blindenleitsysteme mit ihren standardisierten Bodenindikatoren eine sehr hilfreiche Lösung dar.

Vorteile physischer Blindenleitsysteme

Physische Blindenleitsysteme und ihre Komponenten schaffen Orientierungspunkte, die sowohl intuitiv als auch schnell erfassbar sind. Von daher möchten wir an dieser Stelle die vielfältigen Vorteile solcher Systeme beleuchten und zeigen, warum sie trotz zunehmender Digitalisierung weiterhin ein unverzichtbarer Bestandteil einer inklusiven Infrastruktur bleiben.

Vorteile physischer Blindenleitsysteme:
1. Sie sind bei entsprechender Gestaltung im Zwei-Sinne-Prinzip
– mit dem Tastsinn (über Hände (Finger), Füßen oder Blindenlangstock) und
– mit dem Hörsinn oder
– mit dem Sehsinn in Abhängigkeit des verbliebenen Restsehvermögens
wahrnehmbar.

2. Sie sind unabhängig von Technik oder Internetverbindung zugänglich.

3. Sie sind ohne digitale Kenntnisse und technische Hilfsmittel nutzbar.

4. Bei einer sachkundigen Gestaltung können sie eine dauerhaft standardisierte Infrastruktur bieten, auf welche sich blinde und sehbehinderte Nutzer verlassen können.

5. Bei einer fachlichen Realisierung können sie flächendeckend verfügbar, robust und im klassischen Sinn barrierefrei sein.

Voraussetzung für eine selbständige Fortbewegung blinder Menschen

Die eigenständige Mobilität blinder und sehbehinderter Menschen basiert auf dem ausgewogenen Zusammenspiel verschiedener Hilfsmittel (z. B. Blindenlangstock) sowie in der gebauten oder natürlichen Umwelt bereitgestellten Orientierungshilfen (z. B. Bordsteinkanten, einen Wechsel von Bodenbelägen auf Gehflächen). Hierbei kommen sowohl physische Blindenleitsysteme als auch ergänzende digitale Lösungen zum Einsatz.

Diese verschiedenen Systeme übernehmen jeweils spezielle Aufgaben, die sich in ihrem Informationsangebot und ihrer Anwendung zwar unterscheiden, jedoch sich gegenseitig durchaus ergänzen können. Im Idealfall entsteht dadurch eine barrierefreie Gesamtlösung, bei der physische Blindenleitsysteme und digitale Technologien sinnvoll miteinander verbunden werden und so die individuelle Selbstständigkeit und Sicherheit der Betroffenen nachhaltig unterstützen.

Grundprinzipien der Orientierung

Bei der Gestaltung von Orientierungshilfen ist von folgenden Grundprinzipien auszugehen:

 1. Prinzip: Leichte Auffälligkeit

Eine schnell wahrzunehmende Orientierungshilfe muss über eine entsprechende Auffälligkeit verfügen. Dabei ist wahrnehmungspsychologisch zu beachten, dass der Mensch mit einer Erwartungshaltung, also mit Gewohnheiten, arbeitet, die er mit seinen Sinnen überprüft.

 2. Prinzip: Erkennbarkeit

Die wahrzunehmende Orientierungshilfe muss eine Erkennbarkeit beinhalten. Das heißt, es muss eindeutig sein was sie vermitteln soll.

 3. Prinzip: Kenntnisse über die Orientierungshilfe

Ein weiteres wesentliches Grundprinzip ist die Verfügbarkeit von Kenntnissen zur jeweiligen Orientierungshilfe. Eine gebaute oder natürliche Struktur kann erst dann sinnvoll als Orientierungshilfe genutzt werden, wenn bekannt ist, dass sie diese Funktion erfüllt und klar ersichtlich ist, welche Informationen sie vermittelt.

Die Beachtung dieser Grundprinzipien sind die elementare Voraussetzung für die Gestaltung und anschließende Nutzbarkeit physischer Blindenleitsysteme.

Grundsätze zur physischen Blindenleitsystemgestaltung

Die Gestaltung physischer Blindenleitsysteme basiert auf mehreren grundlegenden Prinzipien, die sicherstellen, dass blinde und sehbehinderte Menschen sich im öffentlichen Raum sicher und selbstständig orientieren können. Somit helfen diese Grundsätze, für blinde und sehbehinderte Menschen Barrieren abzubauen und ihre Teilhabe am öffentlichen Leben zu erleichtern.

Soviel wie möglich, aber nur soviel wie nötig

Bei der Planung und Umsetzung von physischen Blindenleitsystemen ist das Prinzip der Angemessenheit von zentraler Bedeutung: „So viel wie möglich, aber nur so viel wie nötig.“ Dies bedeutet, dass Leitsysteme gezielt dort eingesetzt werden sollten, wo sie einen klaren Mehrwert bieten und tatsächlich benötigt werden (vgl. Bild 2). Eine Überfrachtung durch zu viele physische Blindenleitsystemelemente kann zur Verwirrung führen und die Orientierung erschweren.

Bildbeschreibung: Das Bild zeigt eine Bushaltestelle am Gehwegrand. Quer über den Gehweg zum Einstiegsfeld verläuft ein Auffindestreifen mit Rippenprofil in Gehrichtung (normgerecht). Ende der Bildbeschreibung.
Bild 2: Notwendige Blindenleitsystemgestaltung zum Auffinden seitlich der Gehrichtung liegender Haltestellen                      (C) Mobilfuchs

Die Entscheidung des Einsatzes und des Umfangs von physischen Blindenleitsystemen ist anhand der örtlichen Gegebenheiten zu treffen.  

Ununterbrochene Gestaltung 

Ein wesentlicher Grundsatz für die Anordnung von physischen Blindenleitsystemen ist deren ununterbrochene Gestaltung. Auf diese Weise wird es blinden und sehbehinderten Menschen ermöglicht, ihre Wege durchgängig und ohne Gefahr von Irrwegen zurückzulegen.

In die physische Blindenleitsystemgestaltung sind, je nach Bedarf, weitere physische Komponenten, wie beispielsweise die akustischen und taktilen Einrichtungen an Straßenverkehrs-Lichtsignalanlagen sowie taktile Handlaufbeschriftungen einzubeziehen.

Bei der Blindenleitsystemgestaltung können neben standardisierten Bodenindikatoren auch sonstige Leitelemente zur Ergänzung genutzt werden (vgl. Bild 3).

Bildbeschreibung: Das Bild zeigt einen Blindenlangstock der beim Pendeln an eine Rasenkante stößt. Ende der Bildbeschreibung.
Bild 3: Rasenkante
(C) Mobilfuchs

 ⚠️Wichtig:

Die gezielte Verwendung von sonstigen Leitelementen sollte nur dann erfolgen, wenn sichergestellt ist, dass deren visuellen und taktilen Voraussetzungen denen der Bodenindikatoren nach DIN 32984 entsprechen und die drei Grundprinzipien für die Orientierung gewährleistet sind.

Bundesweit einheitliche Blindenleitsystemgestaltung

Blinde und sehbehinderte Menschen sind in den zurückliegenden Jahren immer mobiler geworden. Ihre Reisetätigkeit, aus beruflichen und touristischen Gründen, hat deutlich zugenommen. Daher muss es ihnen überall möglich sein, sich weitestgehend selbständig fortbewegen zu können.

Dies erfordert eine grundlegende Wiedererkennbarkeit der physischen Blindenleitsystemelemente und deren Funktion für ortsunkundige Nutzer.

In diesem Zusammenhang ist es unverzichtbar, dass eine bundesweit einheitliche Gestaltung von physischen Blindenleitsystemen und deren Elementen erfolgt. Grundlage hierfür bildet der stets aktuelle anerkannte Stand der Technik, der in der DIN 32984 „Bodenindikatoren im öffentlichen Raum“ durch eine gesellschaftlich breite Öffentlichkeit festgelegt wurde.

Einheitliche physische Blindenleitsystemelementgestaltung

Den einzelnen physischen Blindenleitsystemelementen ist eine spezielle Funktion zugeordnet. Diese muss vom Nutzer mit den Füßen ertastbar und/oder den Blindenlangstock „ablesbar“ sein.

Wesentliche Voraussetzung für die Nutzbarkeit eines physischen Blindenleitsystemelementes bildet:

1. die Sicherstellung der Bedeutung der einzelnen Blindenleitsystemelemente (Zeichencharakter)
z. Bsp. durch Oberflächenprofile, der Profilausrichtung und Größe,
2. eine bundesweit wiederkehrende Grundsystematik bei der Anordnungsgestaltung sowie
3. des Verlegeortes der Blindenleitsystemelemente.

💡 Daraus ergibt sich die zwingende Notwendigkeit, einer einheitlichen Gestaltung der einzelnen physischen Blindenleitsystemelemente und deren exakten Verlegung.

Was ist der taktile Kontrast?

Der taktile Kontrast beschreibt den spürbar haptischen Unterschied zwischen den Blindenleitsystemelementen und dem angrenzenden Bodenbelag. Es ist sicher zu stellen, dass physische Blindenleitsysteme und ihre Elemente in ausreichendem Maß mit den Füßen ertastet und mit dem Blindenlangstock taktil erkennbar sind.

Welche Rolle spielen Farben und Kontraste?

  • Farben und Kontraste spielen im physischen Blindenleitsystem eine maßgebliche Rolle, da sie die visuelle Wahrnehmbarkeit der Bodenindikatoren wesentlich beeinflussen. Die im physischen Blindenleitsystem eingesetzten Bodenindikatoren müssen, neben einer taktilen Erkennbarkeit, über eine visuelle Wahrnehmbarkeit zum unmittelbar angrenzenden Bodenbelag verfügen.
  • Zur Herstellung einer ausreichenden visuellen Wahrnehmbarkeit kommt dem Hell-/Dunkelkontrast eine wichtige Rolle zu. Daneben kann die visuelle Wahrnehmbarkeit durch die Wahl geeigneter Farben eine zusätzlich wirkungsvolle Unterstützung erfahren.
  • Werden in dunkle (z. B. anthrazitfarbene) Bodenbeläge helle (z. B. weiße) Blindenleitsystemelemente verlegt, wobei durch den Hell-/Dunkelkontrast und die Farbe ein Leuchtdichtekontrast von mindestens 0,4 zwischen Blindenleitsystemelementen und angrenzenden Bodenbelag erreicht wird, ist die Anordnung von Begleitstreifen zur Herstellung visueller Kontraste nicht erforderlich. Wird der Kontrastwert von mindestens 0,4 jedoch nicht erreicht, sind zwischen den Blindenleitsystemelementen und dem Bodenbelag Begleitstreifen zur Herstellung visueller Kontraste erforderlich.
  • Natürlich besteht auch die Möglichkeit, in helle Bodenbeläge dunkle Blindenleitsystemelemente zur Herstellung eines ausreichend visuellen Kontrastes zu verlegen. Es gelten hier ebenfalls die soeben beschriebenen Anforderungen an die Kontrastgestaltung (vgl. Bild 4).
Bildbeschreibung: Das Bild zeigt ein schwarzes Blindenleitsystem auf hellem Bodenbelag. In alle vier Seiten eines Abzweigefeldes mündet jeweils mittig ein Leitstreifen. Ende der Bildbeschreibung.
Bild 4: Dunkles Blindenleitsystem auf hellem Bodenbelag
© Mobilfuchs

Komponenten physischer Blindenleitsysteme

Physische Komponenten für Blindenleitsysteme können zusätzliche Informationen vermitteln, die über den Informationsgehalt von Bodenindikatoren hinausgehen.

Zu den Blindenleitsystemelementen gehören u. a. folgende Komponenten:

a) sonstige Leitelemente
b) taktile Beschriftungen
c) taktile Piktogramme
d) Reliefpläne
e) Modelle
f) taktile Signale
g) akustische Signale
h) gesprochene Informationen 

Die in den folgenden Abschnitten aufgeführten Komponenten können, je nach Bedarf, in Ergänzung zu physischen Blindenleitsystemen zum Einsatz kommen.

Sonstige Leitelemente

Neben den Bodenindikatoren werden die Elemente, die blinden und sehbehinderten Menschen in der gebauten oder natürlichen Umwelt zur Orientierung dienen können, unter dem Begriff „sonstige Leitelemente“ zusammengefasst.

 Man unterscheidet dabei zwei Hauptgruppen:

a) aufragende Leitelemente wie Zäune oder Mauern sowie
b) sich auf dem Boden befindende flächige Leitelemente, wie beispielsweise aus Kleinpflastersteinen
oder sich aus einem Materialwechsel ergebende Leitlinien.

Taktile Beschriftungen

Blinde und sehbehinderte Menschen haben in der Regel keinen oder nur einen eingeschränkten Zugang zu visuell gestalteten Beschriftungen. Daher benötigen sie in vielen Situationen eindeutig tastbare Beschriftungen, die über ein physisches Blindenleitsystem nicht vermittelt werden können.

Bei den taktilen Beschriftungen handelt es sich um schriftliche Informationen, die so gestaltet sind, dass sie mit den Fingern ertastet und klar erkannt werden können. Sie bestehen entweder aus:

a) erhabener Profilschrift, fühlbaren Buchstaben oder Zahlen, oder
b) Brailleschrift, dem international etablierten Blindenschrift-System.

💡 Häufig werden beide Schriftformen gleichzeitig verwendet, um möglichst vielen Menschen den Zugang zu Informationen zu erleichtern.

 Der Einsatz von taktilen Beschriftungen erfolgt zur Informationsvermittlung vorzugsweise je nach den örtlichen Gegebenheiten und Bedarf auf
a) Handläufen
b) Wandschildern oder
c) an Bedienelementen.

Taktile Piktogramme

Taktile Piktogramme sind ertastbare Bildzeichen, deren Symbole aus erhabenen Linien, Flächen und Formen bestehen. Oft beinhalten taktile Piktogramme Braille- oder Profilschrift, um die Informationen der taktilen Symbole zusätzlich zu erläutern bzw. sicher zu stellen.

Für eine leichte inhaltliche Erkennbarkeit müssen taktile Piktogramme über einfache Formen verfügen. Damit diese problemlos ertastet werden können, sollten die verwendeten Materialien eine geringe Oberflächenhaftung aufweisen.

Reliefpläne

Reliefs sind erhabene Darstellungen, die speziell dafür entwickelt wurden, Informationen durch Berührung erfahrbar zu machen. Sie verbinden visuelle Gestaltungen mit haptischer Wahrnehmung und ermöglichen so auch blinden und sehbehinderten Menschen einen Informationszugang. Die taktile Struktur erlaubt es, Formen, Größenverhältnisse und räumliche Anordnungen mit den Fingern zu ertasten.
So eröffnen Reliefs den Zugang zu Wissen, Kunst und öffentlichen Räumen. Sie ermöglichen blinden und sehbehinderten Menschen, sich ihre Umgebung vorzustellen – auch dann, wenn Größe, Form oder Entfernung dieser Orte und Objekte eine direkte taktile Wahrnehmung ansonsten unmöglich machen.

 Reliefs können zu den vielfältigsten Zwecken eingesetzt werden:

a) als Stadt-, Grundriss-, Übersichts- oder Etagenplänen
b) als Reliefkarten für geographische Darstellungen
c) als Kalender
d) als Gruß- und Glückwunschkarten
e) als Reliefversionen berühmter Gemälde oder Skulpturen

Zur Herstellung von Reliefs stehen verschiedene Verfahren, wie beispielsweise das Schwellpapierverfahren, der UV-Reliefdruck oder das Tiefziehverfahren, zur Verfügung.                    Aber auch die moderne Digitalisierung und 3D-Drucktechnologien ermöglichen eine schnelle, präzise und kostengünstige Herstellung. Dabei wird oft zunächst ein digitales Modell erstellt, das anschließend als Relief ausgegeben wird.

Modelle

  • Haptische Modelle – also tastbare, dreidimensionale Darstellungen von Gebäuden, Plätzen oder ganzen Stadtteilen – sind heute ein fester Bestandteil moderner Stadtplanung und Stadtkommunikation. Besonders häufig begegnen sie uns im öffentlichen Raum: vor Rathäusern, auf Marktplätzen oder in der Nähe bedeutender Sehenswürdigkeiten.
  • Taktile Modelle sind verkleinerte, oft aus Bronze oder anderen robusten Materialien gefertigte Stadt- oder Architekturmodelle, die so gestaltet sind, dass man sie nicht nur sehen, sondern vor allem tasten kann. Reliefs und Modellstrukturen sind bewusst so ausgearbeitet, dass sie auch von blinden und sehbehinderten Menschen gut wahrgenommen werden können.
  • Die Bedeutung dieser taktilen Modelle geht doch weit über eine reine Dekoration hinaus. Ein wesentliches Anliegen ist es, Städte für alle Menschen erfahrbar zu machen. So können sich Blinde und sehbehinderte Menschen durch Ertasten ein räumliches Bild über eine Stadt verschaffen.
Taktile Stadtmodelle bieten auch sehenden Personen einen besonderen Mehrwert:

a) Sie geben einen schnellen Überblick über die Stadtstruktur, Achsen und Platzverhältnisse.
b) Sie visualisieren historische Entwicklungen, wenn verschiedene Zeitschichten dargestellt werden.
c) Sie dienen als anschauliches Lernwerkzeug für Schulklassen oder Touristen.

Gerade in historisch gewachsenen Innenstädten, deren Struktur oft komplex ist, schaffen diese Modelle Orientierung und fördern ein besseres Verständnis für den Stadtraum.

Taktile Signale

 

  • Taktile Signale vermitteln gezielte Informationen über den Tastsinn und das auf eine Weise, die unmittelbar, intuitiv und unabhängig vom Sehen oder Hören funktioniert. Häufig werden zu diesem Zweck Vibrationen eingesetzt.
  • Als ergänzende Komponente zum physischen Blindenleitsystem kommen sie vornehmlich als taktiles Freigabesignal an Lichtsignalanlagen (Ampeln) oder zur Vermittlung eines Feedbacks nach Betätigung eines Tasters zum Einsatz.
  • Die Vorteile der taktilen Signale liegen darin, dass sie keine bewusste Aufmerksamkeit erfordern, wie visuelle Hinweise. Zudem sind sie auch in lauten oder optisch überladenen Umgebungen zuverlässig nutzbar.

Akustische Signale

Akustische Signale sind hörbare Töne, die zur Übermittlung von Informationen dienen. Sie entstehen durch mechanische Schwingungen eines Mediums, die sich in Form von Druckwellen in der Luft ausbreiten. Unser Gehör nimmt diese Wellen wahr und wandelt sie in elektrische Impulse um, die das Gehirn interpretiert.

Damit bilden akustische Signale einen wesentlichen Bestandteil unserer Wahrnehmung und der technischen Kommunikation, weshalb sie unverzichtbar sind. Sie transportieren Informationen effizient über Distanz, können zu Handlungen auffordern und ermöglichen eine sichere Orientierung. Ob im Alltag, in der Natur oder in modernen digitalen Technologien – ohne akustische Signale wäre unser Leben deutlich weniger vernetzt.

 Als ergänzende Komponente zum physischen Blindenleitsystem kommen akustische Signale vornehmlich als

a) Orientierungssignal zum Auffinden der Masten von Lichtsignalanlagen und Dynamischen
Fahrgastinformationen mit ihren Anforderungstaster,
b) Freigabesignal zur Anzeige des Fußgängergrüns an Lichtsignalanlagen sowie
c) Signal zur Quittierung einer Tastenbetätigung

zum Einsatz.

Um eine unnötige Beschallung der Umgebung im öffentlichen Verkehrsraum zu vermeiden, sollten akustische Signale über eine Dynamisierung verfügen, das heißt, ihre Lautstärke soll sich den Umgebungsgeräuschpegel automatisch anpassen. Zu diesem Zweck sind auch moderne Technologien, wie beispielsweise LOK-ID der Firma RTB GMBH & CO. KG, durchaus zu empfehlen.

Gesprochene Informationen

Sprachausgaben, Text-to-Speech (TTS) genannt, sind heute aus unserem Alltag kaum mehr wegzudenken. Ob Navigationssystem, Smartphone-Assistent oder barrierefreie Software – überall dort, wo digitale Inhalte hörbar gemacht werden sollen, kommt TTS-Technologie zum Einsatz.

Worin liegen die häufigsten Nutzungsschwierigkeiten physischer Blindenleitsysteme?

Physische Blindenleitsysteme, bestehend aus Bodenindikatoren und deren ergänzenden Komponenten, sollen blinden und sehbehinderten Menschen eine sichere und selbstständige Mobilität ermöglichen. Trotz dieser technisch durchdachten Systeme treten in der Praxis häufig zahlreiche Nutzungsschwierigkeiten auf, die deren Gebrauchstauglichkeit einschränken können. Störende bauliche oder temporäre Hindernisse erschweren die Orientierung. Diese Herausforderungen zeigen, wie wichtig eine konsequente, normgerechte Planung und Pflege solcher Systeme ist, um eine barrierefreie Fortbewegung im öffentlichen Raum zu gewährleisten.

💡 Es ist wichtig bei der Auswahl und dem Einsatz von Blindenleitsystemen und deren Komponenten möglichst viele Ursachen und Mängel zu vermeiden, die Nutzungsschwierigkeiten hervorrufen.

 In unserem E-Book „Selbstständig durch die Welt – Blindenleitsysteme als Schlüssel zur Orientierung und Mobilität“ haben wir die Nutzungsschwierigkeiten von

a) Bodenindikatoren
b) Sonstigen Leitelementen
c) Taktilen Beschriftungen
d) Taktilen Piktogrammen
e) Reliefplänen
f) Modellen
g) Taktilen Signalen
h) Akustischen Signalen
i) Gesprochenen Informationen

für Sie in einer Übersicht zusammengestellt. Dort finden sie auch eine Auflistung über die wesentlichsten technischen Regelungen zur Gestaltung physischer Blindenleitsysteme und deren Komponenten.

Digitale Technologien

  • Digitale Technologien eröffnen große Potenziale für moderne Navigation in komplexen Umgebungen. Gleichzeitig erfordern sie präzise Angaben, gepflegte Datenbestände, durchdachte Darstellungsformen und benutzerfreundliche Interaktionskonzepte. Erst das Zusammenspiel all dieser Elemente machen digitale Technologien wirklich effektiv und für blinde und sehbehinderte Nutzer*innen zu einer echten Orientierungshilfe.
  • Blinde und sehbehinderte Menschen stehen im öffentlichen Raum vor besonderen Herausforderungen. Damit sie sich selbstständig im öffentlichen Verkehrsraum sowie in öffentlich zugänglichen Gebäuden und Einrichtungen orientieren und sicher bewegen können, wünscht sich ein Teil von ihnen, neben physischen Blindenleitsystemen, weitere verlässliche und leicht zugängliche Orientierungshilfen. Besonders wichtig wird dies an unbekannten Orten oder an solchen, die man nur selten besucht, also dort, wo vertraute Wege und Routinen fehlen.
  • Physische Blindenleitsysteme und ihre Komponenten, wie Handlaufbeschriftungen, Reliefpläne oder akustische Informationen, bilden bereits eine wertvolle Grundlage. Sie ermöglichen eine grundlegende Orientierung und unterstützen Nutzerinnen und Nutzer dabei, Wege zu finden und sich an Strukturen im Umfeld zu orientieren. Dennoch ist der öffentliche Raum nur selten so umfassend und lückenlos mit physischen Blindenleitsystemen erfassbar, dass eine uneingeschränkt selbstständige Orientierung ohne Vorkenntnisse jederzeit möglich wäre.
  • Hier kommen ergänzende digitale Technologien ins Spiel. Sie können die bestehenden physischen Blindenleitsysteme sinnvoll ergänzen, indem sie zusätzliche, kontextabhängige Informationen bereitstellen, die über das rein Taktile hinausgehen. Digitale Assistenzsysteme, wie etwa Apps zur Indoor- und Outdoor-Navigation, bieten eine flexible Unterstützung, die an die individuelle Situation der Betroffenen angepasst werden kann. Sie helfen dabei, fehlende Informationen zu ergänzen, komplexe Umgebungen verständlicher zu machen und eine sichere, selbstbestimmte Mobilität zu unterstützen.
 In unserem E-Bock „Selbstständig durch die Welt – Blindenleitsysteme als Schlüssel zur Orientierung und Mobilität“ gehen wir auch u. a. auf Fragen wie

a) die Herausforderungen digitaler Technologien
b) die Rolle des Smartphons und
c) Beispiele für digitale Orientierungshilfen

ein.

Fazit

Zusammenfassung:

  • Für eine selbständige Orientierung und Fortbewegung für blinde und sehbehinderte Menschen sind physischen Blindenleitsysteme und deren Komponenten unentbehrlich.
  • Um eine gefahrlose und sichere Orientierung zu gewährleisten, sind die physischen Blindenleitsysteme und deren Blindenleitsystemelemente bundesweit einheitlich, entsprechend des aktuellen Standes der Technik, zu gestalten.
  • Neben der Notwendigkeit einer durchdachten Planung und fachlich korrekten baulichen Ausführungsgestaltung, müssen physische Blindenleitsysteme generell von Hindernissen freigehalten werden. Dies gilt für das Parken von Fahrzeugen, für das Abstellen aller möglichen Gegenstände ebenso, wie für die Außengastronomie oder Geschäftsauslagen.
  • Physische Blindenleitsysteme bilden in der Regel die Grundlage für die Orientierung im öffentlichen Raum. Diese können mit Hilfe von digitalen Technologien sinnvoll ergänzt werden, welche
    den Komfort und die Selbstständigkeit erhöhen.
  • Vorstellbar ist, dass sich langfristig eine Kombination aus physischen Blindenleitsystemen und digitalen Technologien zu einem Schlüssel für eine echte Barrierefreiheit im Alltag blinder und sehbehinderter Menschen entwickeln. Eine barrierefreie Gesellschaft sollte daher beide Wege konsequent miteinander verknüpfen. 

Weiterführende Links:

© Mobilfuchs, 01.07.2020, aktualisiert  am 22.01.2026 

 



Mobilfuchs-News
Abonnieren Sie unseren kostenfreien Newsletter, um stets die neuesten Informationen und Tipps zum Thema Barrierefreiheit zu erhalten.

Als Dankeschön für Ihre Registrierung erhalten Sie kostenlos die wertvolle Liste „Checkliste zur Sturzprohylaxe“.