Handlaufprofile für die Griffsicherheit

Es ist schon längst nicht mehr ein Geheimtipp, dass zu einer sicheren Nutzung von Treppen ein Handlauf gehört. Aber warum sind Handlaufprofile wichtig? Ein Handlauf ist doch ein Handlauf bzw. umgangssprachlich ein Geländer. Sobald dieser vorhanden ist, ist doch alles in Ordnung oder etwa nicht?

Befasst man sich näher mit dieser Frage, so könnte man gegebenenfalls schnell zu einer anderen Einschätzung gelangen. Denn der Teufel soll ja bekannterweise häufig im Detail stecken. Also, machen wir uns auf und stellen einige grundlegende Überlegungen zum Thema an.

Bildbeschreibung: Das Bild 1 zeigt einen runden Handlauf, der im Bild diagonal von links oben nach unten rechts verläuft. Ende der Bildbeschreibung.
Bild 1: Runder Handlauf
© Mobilfuchs

Handlauf und Geländer – ist das wirklich ein und dasselbe?

💡 Häufig erfolgt eine Gleichstellung von Handlauf und Geländer. Dennoch gibt es hier einen wesentlichen Unterschied.

Die Begrifflichkeit Geländer beschreibt die vollständige seitliche Absturzsicherung, beispielsweise einer Treppe oder an einer Brücke.

Dagegen bezeichnet hier der Handlauf nur den oberen Teil des Geländers, welcher für das Festhalten vorgesehen ist. An diesem kann die Hand beim Treppensteigen nach oben oder unten geführt werden.

Auf einer Treppenseite (z. B. an einer Wand), an welcher keine Absturzgefahr besteht, ist die Anordnung eines Geländers nicht erforderlich. In der Regel übernimmt hier die Wand die Schutzfunktion des Geländers. Jedoch ist auch hier das Arrangement eines Teils des Geländers – des Handlaufs – nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig.

Welche Vorgaben bestehen für barrierefreie Handlaufprofile

Nach dem Schutzziel in der Norm DIN 18040 „Barrierefreies Bauen – Planungsgrundlagen“ Teil 1 „Öffentlich zugängliche Gebäude“ (Ausgabe Oktober 2010) im Abschnitt 4.3.6.3 sind Handläufe so zu gestalten, dass sie

        1. griffsicher und
        2. gut umgreifbar

sind.

Dieses Schutzziel soll gemäß der oben genannten Norm mit einem beispielsweise rundem oder ovalem Handlaufquerschnitt sowie einem Durchmesser von 3 cm bis 4,5 cm erreicht werden.

Als grobe Faustregel könnte hier gelten, dass ein Handlauf, mit Zeigefinger und Daumen einer Hand, diesen zu ca. 3/4 umschließen kann.

In der Praxis werden jedoch öfters Handläufe verwendet, die diesen Anforderungen nicht entsprechen. Häufig findet man Handlaufprofile in Form von Schienen oder Leisten. Dennoch wird die Behauptung aufgestellt, dass diese Handläufe griffsicher und umgreifbar sind. Es wird darauf verwiesen, dass die Norm lediglich runde und ovale Handlaufprofile als Beispiele aufführt, was nicht gegen den Einsatz von flachen, geschwungenen oder auch breiten Handlaufprofielen spreche. So stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen sind Handläufe griffsicher und gut umgreifbar? Welche Anforderungen müssen sie erfüllen und warum?

Welche Bedeutung hat das Handlaufprofil für den Handlauf?

💡 Für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen spielt der Handlauf bei der Fortbewegung auf einer Treppe nicht nur für die Sicherheit eine große Rolle. Er kann ihnen auch bei der Überwindung des Höhenniveaus als eine wertvolle Unterstützungshilfe dienen. Dies ist jedoch nur unter der Voraussetzung gegeben, dass sein Profil ein festes und sicheres Festhalten ermöglicht.

Beim Steigen von Treppen kann dessen Handlaufprofil neben dem sicheren Festhalten auch ein gleichzeitiges Stützen auf den Handlauf, über den Unterarm oder die Hand (bei gestrecktem Arm), ermöglichen. Dies kann bei den Handlaufnutzern zu einer spürbaren Erleichterung bei der Aufgabenbewältigung führen.

Darüber hinaus kann ein fester und sicherer Handlauf mit einen optimalen Handlaufprofil, neben dem Festhalten die gleichzeitige Möglichkeit des Hinaufziehens, bieten.

Wer profitiert von griffsicheren Handlaufprofilen?

💡 Von griffsicheren Handlaufprofilen haben alle Menschen einen Nutzen. Jeder kann, aus den unterschiedlichsten Gründen, in eine Situation geraten in welcher ein Handlauf in Griffnähe helfen kann, Stürze zu vermeiden.

Insbesondere für Menschen mit Erkrankungen, wie beispielsweise Arm- und Handerkrankungen, Alzheimer-Krankheit, Gleichgewichtsstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Herzschrittmacher), Hüft- und Knieerkrankungen, Multiple Sklerose, Progressive Muskeldystrophie, Schlaganfall und Wirbelsäulen-Erkrankungen, bieten Handläufe mit guten ergonomischen Eigenschaften der Handlaufprofile Sicherheit und Erleichterung beim Treppensteigen.

Für behinderte und ältere Menschen mit Gehunsicherheiten kommt dem Handlauf, und damit dem Handlaufprofil, eine erhöhte Bedeutung zu.

Entsprechende Handlaufprofile sind darüber hinaus auch an Rampen erforderlich und sind dort zur barrierefreien Nutzung für Rollstuhl- und Rollatornutzer unentbehrlich.

Die Hand und ihre Funktion

Die Grundgelenke des Kleinen-, Ring-, Mittel- und Zeigefingers sind Kugelgelenke. Die Fingergrundgelenke werden durch verhältnismäßig kräftige Bänder fixiert. Dies führt zu einer eingeschränkten Beweglichkeit in den Kugelgelenken (Fingergrundgelenken), welches im Wesentlichen nur 2 Grade der Bewegungsfreiheit – der Beugung und Streckung sowie das Fingerspreizen und –schließen – ermöglicht.

Eine Ausnahme bildet hier das Daumengrundgelenk. Das Grundgelenk des Daumens wird von seinem Mittelhandknochen und einem Handwurzelknochen, dem Vielecksbein (= Os trapezium) gebildet. Beide Knochen verfügen über eine sich gegenüberstehende sattelförmige Gelenkfläche. Daher kann das, aus diesen beiden Knochen gebildete, Gelenk auch als Sattelgelenk bezeichnet werden. Aufgrund einer weiten Gelenkkapsel kommt es in seinen Bewegungsmöglichkeiten nahezu einem Kugelgelenk gleich.

Dieser Gelenkmechanismus gestattet es, dass der Daumen aus der Ebene der Finger herausgehoben und den anderen Fingern gegenübergestellt werden kann (Opponierbarkeit). Somit nimmt der Daumen unter den fünf Fingern der menschlichen Hand eine Sonderstellung ein.

Die Mittel- und Endgelenke aller Finger sind reine Scharniergelenke, die nur eine Beugung und Streckung ermöglichen.

💡 Die dargestellte Gelenkmechanik der Finger lässt erkennen, dass die menschliche Hand die Funktion einer „Greifzange“ erfüllt. Dabei bildet der Daumen den einen, und die anderen Finger den anderen Schenkel der „Greifzange“. Die Funktion der Hand als „Greifzange“ wird stark beeinträchtigt, wenn der Daumen fehlt.

Welche Rolle spielt die Muskelkraft beim Festhalten?

Entscheidend für das Greifen ist nicht nur der Gelenkmechanismus in den Hand- und insbesondere Fingergelenken, sondern ebenso von Bedeutung ist die dafür benötigte Muskelkraft. Bei der Greiffunktion der Hand kommt der Aktionskraft die dominierende Rolle zu.

Je mehr Aktionskraft, in Anpassung an die jeweilige Situation zur Aufgabenerfüllung, zur Verfügung steht, erhöht sich proportional die Sicherheit für das Festhalten.

Die Höhe der Aktionskraft kann in N (Newton) ermittelt werden. Man geht davon aus, dass ca. 85 % der Menschen beim Handschluss maximal 70 N sicher erreichen kann. Bei einer Daueranwendung sinkt die Aktionskraft der Hand auf 10 N. Die maximale Aktionskraft beim Fingerschluss beträgt 50 N und sinkt bei einer Daueranwendung auf 10 N ab.

Einflusskriterien auf die maximale Aktionskraft beim Fingerschluss:
Es ist zu berücksichtigen, dass die maximale Aktionskraft von zahlreichen Kriterien beeinflusst wird. Entscheidende Faktoren sind:

        1.  die Form, der Verlauf und die Richtung der Kraftübertragung,
        2. die Gelenkstellung,
        3. die Häufigkeit sowie die Dauer des Krafteinsatzes,
        4.  der Muskeleinsatz und deren Zustand.

💡 Auch verschmutzte oder feuchte Handläufe können dazu beitragen, die notwendigen Aktionskräfte beim Festhalten spürbar zu mindern.

Der Handschluss

Betrachtet man sich die Gelenkstellungen der Finger beim Handschluss, so ergibt die Summe der Gelenkmittelstellungen aller Finger eine runde bis ovale Form. Beim Umfassen von angepassten Handlaufprofilen, welche diesen anatomischen Gegebenheiten entsprechen, ist eine formgerechte und gleichmäßige Kraftübertragung auf den Handlauf möglich.

Zum Festhalten lassen sich die größten Muskelkräfte erreichen, wenn sich die Fingergelenke in der Mittelstellung ihres gesamt möglichen Bewegungsausmaßes (Mittelstellung zwischen maximaler Streckung und maximaler Beugung) befinden. Dies ist gegeben, wenn das Handlaufprofil einen Durchmesser von 3 cm bis 4,5 cm beträgt.

Handlaufprofile

Nachfolgend werden unterschiedliche Handlaufprofile aufgezeigt.

Breite Handlaufprofile

Beim Festhalten an breiten Handlaufprofilen, wie z. B. bretterähnlichen Querschnitten, ist es nicht möglich die Fingergelenke in die für eine optimale Kraftübertragung erforderliche Gelenkmittelstellung zu bewegen. Ein annäherndes Umfassen des Handlaufes ist nicht möglich (vgl. Bild 2). Der Handlauf verliert seine Funktion.

Bildbeschreibung: Das Bild 2 zeigt einen sehr breiten Handlauf. Es ist der dort zu sehenden Hand nicht möglich diesen zu umfassen. Ende der Bildbeschreibung.
Bild 2 – Breites Handlaufprofil – Grund- und Mittelgelenke der Finger können nicht bis in die Mittelstellung gebeugt werden
© Mobilfuchs

Schmale Handlaufprofile

Bei kleineren Profildurchmessern von unter 3 cm, wie beispielsweise von Leisten oder Rundhölzern, nähern sich die Finger dem Ende ihres Bewegungsausmaßes in der Beugung (Faustschluss) deutlich an. Bei dieser Gelenkeinstellung lässt die nutzbare Aktionskraft in den Fingern spürbar nach. Das Festhalten wird erschwert, da die erforderliche Aktionskraft nicht zur Verfügung steht und so unwillkürlich zur Minderung der Griffsicherheit führt.

Flache Handlaufprofile

Beim Festhalten an flachen Handlaufprofilen, wie z. B. bei stahlbandförmigen Handlaufprofilen, erfolgt die Kraftübertragung vornehmlich über deren mehr oder weniger abgerundeten Kanten (vgl. Bild 3). Dort entstehen beim Zufassen Druckpunkte, die mit zunehmender Kraft beim Handschluss Schmerzen auslösen können. Infolge dessen wird der Nutzer von Handläufen mit derartigen Profilen sich nicht mit der erforderlichen Kraft festhalten. Der eingeschränkte Krafteinsatz wirkt sich deutlich negativ auf die Griffsicherheit beim Festhalten aus.

Bildbeschreibung: Das Bild 3 zeigt einen flachen stahlbandförmigen Handlauf. Ende der Bildbeschreibung.
Bild 3 – Flacher stahlbandförmiger Handlauf
© Mobilfuchs

Runde und ovale Handlaufprofile

💡 Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass für eine effektive funktionelle Nutzung der Hand, nur runde oder ovale Handlaufprofile für die griffsichere Nutzung in Frage kommen können. Dabei darf deren Profildurchmesser nicht unbeachtet bleiben.

Ein Umfassungsgriff – bei einem runden oder ovalen Profildurchmesser von 3 cm bis 4,5 cm – unter Beteiligung der ganzen Hand, ermöglicht die Nutzung hoher Aktionskräfte. Hierbei können die Fingerkräfte zusätzlich durch die Handkräfte wirkungsvoll ergänzt werden. Bei kleineren Profildurchmessern (unter 3 cm), können die Aktionskräfte der Hand nicht eingesetzt werden.

Taktile Handlaufbeschriftungen

Für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen können taktile Handlaufbeschriftungen im öffentlichen Verkehrsraum (z. B. in Unterführungen, Bahnhöfen und Haltestellen) sowie in öffentlich zugänglichen Gebäuden eine wertvolle Informationsquelle zur Orientierung sein. Zum Zweck der Selbstrettung sind sie in Flucht- und Rettungswegen unentbehrlich. In diesem Zusammenhang sollten taktile Handlaufbeschriftungen generell Bestandteil von Blindenleitsystemen sein.

Bereits während der Planung von Treppen oder Rampenanlagen soll bei der Handlaufauswahl an eine spätere taktile Handlaufbeschilderung gedacht werden. Das Handlaufprofil muss eine Anordnung taktiler Handlaufbeschriftungen ermöglichen können.

Auf der Website „Taktile Handlaufbeschriftungen bieten Sicherheit und erleichtern die Orientierung“ finden Interessenten die wesentlichsten Anforderungen an eine taktile Handlaufbeschriftung und einen kleinen Einblick in deren bisher nicht vermutete Komplexität.

Zusammenfassung:
💡 Damit Handläufe fest und sicher umfasst werden können, sind sie der Anatomie der menschlichen Hand anzupassen.

Es zeigt sich, dass für eine sichere Arbeitsaufgabenerfüllung der Hand als „Greifzange“, ein ergonomisch gut gestaltetes Handlaufprofil zur formschlüssigen Kraftübertragung zur Verfügung stehen muss. Hier bieten die runden oder ovalen Handlaufprofile die besten Nutzungsvoraussetzungen.

Daher sollten künftig die anatomisch-physiologischen Voraussetzungen der menschlichen Hand, gegenüber den Fragen des Designs, bei der Wahl der Handlaufprofile den Vorzug erhalten.

💡 Die Sicherheit auf Treppen geht alle an!

Entsprechend des „Bundesgesundheitssurvey 1998“ klagen ca. 12 % der Gesamtbevölkerung über Beschwerden im Hand- und Armbereich. Vermutlich ist, insbesondere im Zuge des demographischen Wandels, die Zahl der Menschen mit Hand- und Armbeschwerden zwischenzeitlich weiter gestiegen. Diesem Umstand ist bei der Ausstattung mit Handläufen im öffentlichen Raum Rechnung zu tragen.

Weiterführende Links: 

© Mobilfuchs 03.08.2020



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